Zu viele Medikamente in Heimen: Ausdruck eines fehlgeleiteten Systems

Der kürzlich erschienene Arzneimittelreport der Krankenkasse Helsana zeigt einen bedenklichen Einsatz von Medikamenten in Pflegeheimen, die den Bewohnern mehr schaden als nützen.
Gemäss Helsana-Arzneimittelreport nehmen HeimbewohnerInnen nicht nur mehr Medikamente ein als Senioren und Senioren, die noch zu Hause leben, sondern sie werden offenbar auch medikamentös ruhiggestellt. Für den SBK ist das der Ausdruck eines fehlgeleiteten Systems, das statt (Betreuungs-)Arbeit die Pharmaindustrie finanziert, auf Kosten der Betagten.
Die Zahlen und Fakten, die der Report präsentiert, sind bedenklich: Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen nehmen täglich im Schnitt 9,3 Medikamente täglich ein. Bei ihren AltersgenossInnen, die noch zu Hause leben, sind es lediglich deren 5,6. Dieser Unterschied mag zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass PflegeheimbewohnerInnen in einem schlechteren Gesundheitszustand sind als zu Hause lebende Seniorinnen und Senioren.

Mehr Schaden als Nutzen

Doch der Report zeigt auch, dass in Alters- und Pflegeheimen Medikamente zum Einsatz kommen, die mehr schaden als nützen. 80 Prozent der Bewohnerinnen erhalten mindestens ein Medikament, das einen potenziell schädlichen Wirkstoff enthält. Dazu gehören etwa Benzodiazepine, die nicht nur ein Abhängigkeitspotenzial haben, sondern auch dem Gedächtnis schaden und das Sturzrisiko erhöhen.
Bedenklich ist zudem der „off-label“ Einsatz von Medikamenten. So wurde z.B. 15 Prozent der Bewohnenden ein Medikament verschrieben, das eigentlich bei Schizophrenie und bipolaren Störungen eingesetzt wird. Die Heimbewohnenden erhielten es jedoch zur Bekämpfung von Schlafstörungen, psychomotorischer Unruhe und  Verwirrtheitszuständen – also Symptomen, die oft bei Menschen mit Demenzerkrankungen vorkommen.

Report stützt Pflegeinitiative

Für den SBK zeigt der Arzneimittelreport der Helsana vor allem eins auf: Die fatalen Folgen eines fehlgeleiteten Finanzierungssystems, in welchem verschriebene Medikamente fraglos vergütet werden, während Betreuung, respektive die Zeit, die dafür benötigt würde, nicht bezahlt wird. Das geschieht auf Kosten der betagten Menschen und des Personals, das unter dieser Situation ebenfalls leidet. Der Report zeigt in aller Deutlichkeit auf, warum es die Pflegeinitiative braucht. Denn nur mit genügend Personal liessen sich solche Missstände beheben. Zudem entkräftet er den Vorwurf, es gehe mit der Forderung nach der „angemessenen Vergütung von Pflegeleistungen“ einfach um „mehr Lohn“. Vielmehr fordert die Pflegeinitiative genügend finanzielle Mittel, damit das Personal ausreichend Zeit hat für die ihm anvertrauten Menschen, und sie – zum Beispiel wenn sie unruhig sind – betreuen kann, anstatt sie in der Not mit Medikamenten ruhig stellen zum müssen.